Rituale

Wir Menschen lassen uns von Ritualen steuern

Es ist z.B. genau von Dir festgelegt, wie oft Dein Wecker morgens klingelt, bevor Du dann endlich aufstehst, es muss genau diese eine Kaffee-Sorte sein, die Du aus Deiner Lieblingstasse trinkst, damit Dein Tag gut wird usw.

Sie sind uns also bestens bekannt, unsere ganz eigenen Rituale.
Es gibt aber auch die von außen vorgegebenen Handlungen (Kirche, Familienfeste, Jahreszyklen), die mit ganz eindeutigem Symbolcharakter unseren Alltag steuern.
Wichtig dabei ist die Wiederkehr der Handlung.

Rituale bei Musikern

Wir Musiker nutzen Rituale in unterschiedlichen Zusammenhängen. Einerseits sind wir automatisch eingebettet in ein Ritualgefüge, beispielsweise im Konzert oder in der Oper, andererseits nutzen wir sie in unserem Übe-Alltag und vor allem vor und während der Konzerte.

Vor dem Konzert, gleich musst Du auf die Bühne!

Was hilft Dir jetzt, dich zu sammeln und deine Energien auf das Konzert zu zentrieren?

Wir alle kennen diese 30 Minuten vor dem Konzert: Manche fangen an, in einer stillen Ecke „ruhig zu atmen“, andere begeben sich auf Wanderschaft und legen gefühlte Kilometer beim Wandern von rechts nach links zurück. Wieder andere beginnen zu Essen, was ihnen ein gutes Gefühl in Hals und Magen vermittelt – da geht alles, angefangen von Schokolade über Äpfel, Olivenöl oder Bier…😊 Tatsache ist, dass diese kleinen Rituale uns in uns selbst verankern!

Nur wer bei sich ist, kann seine Leistung abrufen, sein Charisma strahlen lassen und seine Gedanken und Emotionen mit dem Publikum teilen.

Unser Gehirn hat die Zusammenhänge zwischen Handlung und Gefühl und Aufgabe dahinter gespeichert, wir benötigen keine zusätzlichen Energien, oder Bewusstmachung, um diese Gefühle abzurufen. Das spart und erfüllt trotzdem!

Während des Konzertes:

Auch während des Konzertes geben uns diese kleinen Rituale, die wir uns durch 1000-faches Üben und tägliches Wiederholen angeeignet haben, Sicherheit:

  • Das Einatmen, bevor der Bogen sich auf die Saiten senkt.
  • Das Reiben und Innehalten der Hände, bevor sie die Tasten berühren.
  • Das kurze Augenschließen vor dem ersten Ton.
  • Manchmal ist es auch nur das Lächeln zum musikalischen Partner vor dem Einsatz.

Rituale für sich nutzen

Das bisher gesagte heißt für uns, dass wir unser Gehirn, also unsere Kapazitäten entlasten können bei trotzdem weiter ablaufenden Prozessen auf hohem Niveau. Lernen ist ja die Reaktion unseres Gehirns auf Erfahrungen, die wir machen.

Je öfter wir also eine bestimmte Lernerfahrung machen, desto stabiler entsteht die neue neuronale Verknüpfung im Gehirn.

So erschaffen die gelernten Erfahrungen, die wir regelmäßig abrufen (Rituale), ein Arbeitsgefüge und eine Selbstverständlichkeit im Ablauf.

Das heißt, wenn Du immer zu einer bestimmten Zeit übst, dann musst Du Dich nicht jeden Tag von Neuem dazu motivieren (keine Sinnsuche, keine Entschuldigungen, keine Ausflüchte).

Das Gehirn hat durch Dein Ritual gespeichert, dass z.B. zur Uhrzeit 8.00 Uhr am Morgen das Üben gehört, vielleicht verbunden mit einer Tasse Tee, da dieses Ritual Üben Dir dann ein Wohlgefühl und gleichzeitig ein technisch und musikalisches Vorankommen sichert.

Es gibt Untersuchungen, die von ca. 21 Tagen ausgehen, bis neue Gewohnheiten verankert sind. Belege finden sich dafür nicht. Klar ist, dass es eine gewisse Zeit braucht, bis Du Gewohnheiten sowohl verankert als auch wieder aufgelöst hast; bis der neue Prozess also so vertraut ist, dass er automatisiert, leicht und ohne Widerstand geschieht und so Dein Gehirn wenig Energie verbraucht.

Alte Rituale…

…derer wir uns immer noch bedienen. Rituale haben ja immer auch eine Funktion, sie erleichtern und steuern unter anderem den Umgang miteinander, sie geben uns Halt und Orientierung.

Rituale im Theater…

…sind oft lange überliefert und werden trotzdem mit einem Augenzwinkern und unfassbarem Ernst dahinter weiter praktiziert. Unscheinbar scheint da das wichtige Toi-toi-toi-Wünschen vor der Premiere, dem Konzert. Aber auch dieses Ritual besitzt einen historischen Hintergrund, der durch Wiederholung überliefert wurde und Bestand hat: Das Spucken über die linke Schulter beim Gegenüber soll Glück bringen, den Teufel vertreiben – „der Bespuckte“ darf sich auf keinen Fall bedanken, was wiederum Unglück brächte, und so vermittelt auch dieses Ritual Sicherheit.

Eine andere Form von Sicherheit bedeutet das Verbot auf der Bühne zu pfeifen. Es stammt noch aus der Zeit, in der das Theater mit Gaslampen beleuchtet wurde. Fingen diese an zu pfeifen, war eine Gasleitung leckgeschlagen und Gefahr im Verzug.

So steuern Rituale das Miteinander und den Umgang in einem großen Gefüge.

Rituale beim Besucher…

Konzerte und Opernvorstellungen sind über weite Strecken Ritual-Gesteuerte-Prozesse! Das beginnt schon für das Publikum bei der Vorbereitung zu Hause. Man wählt besondere Kleidung, bedenkt sein Äußeres mit mehr Aufmerksamkeit, da sich auch das Publikum gleich in der Öffentlichkeit präsentieren wird.
Dann begeben sich alle mitten in dieses Ritualgefüge: Wir klatschen, wenn aufgetreten wird (in welcher Reihenfolge ist wiederum ein Ritual), woher wissen wir, wann man nicht klatschen darf und wann doch, ob man sprechen darf, aufstehen, essen, trinken? All dies steuern Rituale – nirgends sind sie festgeschrieben und doch zwanghaft überliefert!

Das Konzertritual und seine Folgen

Wie fühlt sich da wohl jemand, der all dies zum ersten Mal erlebt? Sicher? Aufgehoben? Wohl eher nicht! Eher hat er das Gefühl der Orientierungslosigkeit, des Ausgeliefert- und Ausgestelltseins, da er nicht weiß, wie er sich zu verhalten hat (gut, dass der Mensch als Herdentier schnell adaptieren kann).
Kann dies aber nicht dazu führen, dass man als Neuling eher verteufelt, was man nicht kennt (Konzertablauf) und wo man sich nicht geborgen fühlt? Bezieht sich dieses Verurteilen dann wohl eher auf den Inhalt des Konzertes oder doch auf seine so starre Form?


Die Zukunft des Rituals

Wir Musikschaffenden sollten uns dieser Ambivalenz bewusst sein und die Chance erkennen, Rituale zu steuern, sie für uns und für unsere Konzerte und unser Publikum zu nutzen und einzusetzen. Damit meine ich nicht nur die sinnvollen Kinderkonzerte, die uns -unter anderem- von Anfang an in diese Rituale einweihen, oder das CasualConcert, das sowohl auf der Bühne als auch davor die zwanglosere Alltagskleidung ermöglicht.

Ja, ich suche als Publikum schon die Ruhe, das Ritual und das Gleichmaß im Ablauf eines Konzertes, denn sonst ist meiner Hörgewohnheit und der Entstehung meiner Gefühle und Entspannung beim Hören der Musik kein Raum gegeben. Aber ich muss auch als Musiker wahrnehmen, dass andere Menschen andere Bedürfnisse und Hintergründe haben. Es liegt an mir als Musiker, wie und ob ich diesen Bedürfnissen Rechnung tragen kann, wenn ich mein zukünftiges Publikum und Hörer erreichen will.

Eine unglaublich wichtige Aufgabe, die zukunftsweisend, verändernd und bewahrend wirken sollte und von jedem einzelnen von uns angegangen werden kann!

Und jetzt kommt das Schöne: Rituale sind veränderbar, auch, da sie an Emotionen geknüpft sind. Das wiederum ermöglicht immer wieder die Aktualisierung oder Auffrischung und Justierung eines Rituals.

Mal sehen, wo es uns also hinbringt, das Ritual!

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